Die Methode des klassischen sokratischen Dialogs

Wenn Platon die philosophische Methode des Sokrates als Mäeutik beschreibt, gibt er den wesentlichen Kerngedanken des klassischen sokratischen Dialogs wider. Sokrates lenkt und unterstützt den anderen darin, eigene Gedanken, Erkenntnisse zu gebären. Es handelt sich damit um eine philosophische Dialogkunst, die eigenverantwortliches wie auch lösungsorientiertes Denken fördert. Insofern gelangt man selbst zur Selbsterkenntnis, indem man sich seiner eigenen Werte und Ziele bewusst wird. Dazu bedient sich Sokrates der Dialektik (Diskutierkunst) mit ihren verschiedenen Mitteln der logischen, empirischen und normativen Überprüfung auf Widerspruchsfreiheit und Zielgerichtetheit. Sokrates glaubt, dass selbst erarbeitetes und geprüftes Wissen, wahres Wissen ist, weil es handlungsmotivierend ist (vgl. Phaidros).

Methodischer Aufbau des klassischen sokratischen Dialogs

Der klassische sokratische Dialog ist im Wesentlichen durch diese Aufbauprozesse bestimmt

1. Thema

Sokrates greift in den Dialogen Thesen, Aussagen, Begriffe des Dialogpartners auf oder – in seltenen Fällen – legt er selbst das Thema zugrunde. Ausgangspunkt ist eine konkrete Situation, selbst wenn Sokrates die Themen meist auf die Fragen guter Lebensführung wie Tugendethik lenkt.

2. Die „Was ist das?” als naive, non-direktive Fragestellung

Vorurteilsfrei und offen sucht Sokrates als erste Annäherung zu verstehen, was der andere unter einem konkreten Begriff meint. Soweit es ihm zunächst um das Verständnis und die Klärung eines Begriffs geht, kategorisiert und katalogisiert Sokrates selbst nicht nach eigenen Wertvorstellungen oder gesellschaftlichen Normen.
Als naiv Fragender nimmt er die Position des Unwissenden ein,wenn er fragt “Was ist das?”.

3. Spezifizierung anhand eines konkreten Beispiels

Für gewöhnlich ist die begriffliche Vorstellung nicht so klar, wie der andere meinte. Deshalb bedient sich Sokrates eines konkreten Beispiels, das den Alltagsbezug zur abstrakten Vorstellung des anderen herstellen soll. Schließlich lassen sich begriffliche Definitionen an alltäglichen Beispielen besser analysieren. Begriffsdefinition tatsächlich das trifft, das man im Sinn hat. Anders ausgedrückt, können anhand eines konkreten Beispiels leichter geklärt werden, ob begrifflichen Eigenschaften und Implikationen tatsächlich das besagen, das man im Sinn hat.

4. Elenktik die sokratische Kunst der Widerlegung

Nachdem Sokrates das Denkgebäude vom Standpunkt des anderen durch Erfragen verstanden hat,ist er imstande dessen Inkonsistenzen, Widersprüche und Fehler aufzuzeigen. In Form von Fragen, nicht durch dogmatische Belehrungen, beginnt der Gesprächspartner selbst, seine Denkfehler einzusehen. Der andere schiebt dann die Fehler nicht mehr auf Mißverständisse, weil er von Sokrates verstanden wird. Das Ziel dieser Widerlegungskunst besteht in der Einsicht des anderen, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Dadurch tritt zunächst ein Zustand der innerer Verunsicherung wie Verwirrung. Aber erst durch diesen Zustand öffnet sich das Bewusstsein für neue Denkmöglichkeiten und strebt nach wahrheit.

5. Protreptik/Mäeutik – sokratische Hilfe zur Erkenntnis

Der Zustand innerer Verunsicherung wird von Sokrates genutzt, um eine Neuorientierung und Erkenntnis durch selbständiges Denken zu ermöglichen.Es bedeutet, eigenständig nach Wahrheiten zu suchen und eigene Standpunkte im Leben zu entwickeln. Diese Hinführung zu tieferen Einsichten durch selbständiges Denken als Protreptik oder Mäeutik verstanden, vollzieht sich durch die regressive Abstraktion. Das heißt, vom Konkreten ausgehend, auf eine zugrunde liegende Ansicht zurückzuführen (Analyse). Im Konkreten tiefere Wahrheiten zu erblicken, bedeutet unreflektierte Denk- oder Verhaltensmuster aufzudecken. Eben solche führen oft zu konkreten wie auch inneren Konflikten. Diese unbewussten Prozesse, sind beeinflussbar, wenn man sie einem bewusst sind.

6. Das Ergebnis des sokratischen Dialogs

Am Ende eines sokratischen Dialogs sollte der Dialog-Partner seine eigene Lösung als Ergebnis des gemeinsamen Dialogs formulieren. Die individuelle Wahrheit ist als richtig und gut anzusehen, wenn sie unter den gegebenen Zielen und Wertvorstellungen funktional und zielgerichtet ist. Sie kann sich wandeln in dem Maße wie sich die Präferenzen und eigenen Lebensziele des Individuums verändern. Von Bedeutung bleibt, dass jede neue Lebenssituation reflektiert und beurteilt werden kann. Ausschlaggebend für die Methode des sokratischen Dialogs ist, das neugewonnenes Wissen handlungsmotivierend ist, weil es das Resultat eines eigenen Verstehens-Prozesses ist.

Weiterführende Literatur findet sich bei der philosophisch politischen Akademie und bei dem Sowi Methodenlexikon.

Aug 19, 03:09